Hallo liebe CSD Teilnehmer:innen,
Ich bin Can, 21 Jahre alt und agender und Pansexuell, und darf euch heute eine Rede vortragen;
In meiner Kindheit wurde ich geprägt von Homophobie und einem „toxischen“ Männerbild. Hatte ich geweint, wurde mir gesagt, das sei unmännlich. Wenn ich etwas längere Haare hatte, war das ein Problem, weil das nicht männlich genug war. Wenn ich keine Lust hatte auf Kampfsport und viel lieber Musik machen wollte, hatte ich das falsche Hobby für einen Mann gewählt. Als ich Erzieher werden wollte, sollte ich lieber ins Handwerk gehen und einen männlichen Beruf machen. Mit 14 noch keine Beziehung gehabt zu haben, hat mich in eine Situation gebracht, in der mein Vater mir ins Gesicht sagte, dass, wenn ich es wagen würde, homosexuell zu werden, er mir mein Genital abschneidet. Jede dieser Situationen hat mir gezeigt, dass ich mich als Mann nicht wohlfühle. Jedes Mal habe ich geweint, weil mein Vater nicht verstanden hat, dass ich nicht in sein Bild passe und passen werde, und er mir deutlich gemacht hat, dass er mich so, wie ich bin, nicht akzeptieren wird und dass ich mich anpassen muss. Ich bin sicher nicht der Einzige der in einen solchen Umfeld Groß geworden ist. umso glücklicher macht es mich das wir hier heute feiern das wir so sein können wie wir sind.
Wenn ich heutzutage im Büro lese „Sehr geehrte Damen und Herren“, fühle ich mich nicht angesprochen.
Wieso wird in unserer Sprache Geschlecht sogar in der Begrüßung mit eingebaut?
Wieso können wir nicht inklusiv sprechen?
Wie kann es sein, dass bei unserer Begrüßung direkt eine große Menschengruppe ausgeschlossen wird?
Ich bin weder Mann noch Frau. Ich bin einfach ich als Mensch.
Von Transpersonen wird immer wieder erwartet, dass wir Cis-Personen weiterbilden. Ich halte es durchaus für sinnvoll, Cis-Personen über das Transsein aufzuklären, finde es aber unglaublich anstrengend und viel verlangt, dass diese Verantwortung auf Transpersonen fällt. Bildungsarbeit kann nicht die Aufgabe der Betroffenen sein.
Wieso muss ich mich dafür rechtfertigen und/oder dafür kämpfen, so akzeptiert zu werden, wie ich nun mal bin? Die Gesellschaft hat es geschafft, dass Hass mehr sozialisiert und zusammenbringt als Liebe. Wieso sind unsere Standpunkte immer pessimistisch ausgedrückt? Ich glaube, wir müssen mehr an uns glauben und für etwas anstatt gegen etwas kämpfen. Für Gleichberechtigung von allen, für die Liebe, für uns. Dieser Tag ist nicht dafür da, an jene Menschen zu denken, die sich gegen uns stellen. Dieser Tag ist dafür gemacht, für uns einzustehen, zu feiern, dass wir alle so sind, wie wir nun mal sind, und dass daran nichts falsch ist.
Wenn ich online lese, wie queere Personen einander die Validierung absprechen, dann denke ich, dass hier was gewaltig falsch läuft. Wir haben es gemeinsam so weit geschafft und dennoch sind wir auch untereinander manchmal nicht weit genug. Die allermeisten von uns wurden sozialisiert mit Homophobie und/oder Transfeindlichkeit. Diese Sozialisierung verschwindet nicht einfach. Ich plädiere an alle, sich immer wieder selbst zu reflektieren und sich einander zuzuhören!
Ich will in einer Welt leben können, in der Genderrollen keine Rolle mehr spielen, unsere Sprache uns alle inkludiert, und niemand ausgeschlossen wird.
Ich will in einer Welt leben, in der niemand gesagt bekommt, wen man lieben darf.
Ich will in einer Welt leben, in der ich auch in E-Mail-Begrüßungen gemeint bin
Und genau deshalb sind Tage wie heute so wichtig.
Weil wir heute sichtbar sind.
Weil wir heute laut sind.
Vor allem in Regionen wie unserer, in denen wir unsichtbar scheinen, dürfen wir uns nicht verstecken.
Wir verdienen eine Welt, in der wir nicht toleriert, sondern akzeptiert werden.
Und solange diese Welt noch nicht Realität ist, werden wir weiter laut sein.
Für uns. Für die, die noch Angst haben. Für die, die nicht mehr hier sind.
Und für die Generationen nach uns.
Dankeschön